PRJEDY HAČ WOTEŃDŹEŠ - BEVOR DU GEHST

Fotografien von Matthias Bulang, Texte von Róža Domašcyna

Im Rahmen des Görlitzer Fotofestivals “Schauplätze” ist die Ausstellung in zwei Teilen für Besucher geöffnet:
1/2 >> vom 05.09.-27.09.2019 in der Frauenkirche, An der Frauenkirche 1, Görlitz, Mo bis So von 11:00-17:00 Uhr
2/2 >> vom 31.08.-22.09.2019 im Kultourpunkt im Bahnhof, Bahnhofstr. 76, Görlitz, Fr bis So von 14:00-18:00 Uhr

In der Frauenkirche findet jeweils Montag, Mittwoch und Freitag um 12:00 Uhr eine Mittagsrast mit Meditation und Orgelmusik statt.

Begleitveranstaltung: Lesung und Künstlergespräch am 19.09.2019 um 18:00 Uhr in der Frauenkirche.

Die Ausstellung wird in Kooperation mit dem Sorbischen Museum gezeigt.

Sorbisches Museum      Landkreis Bautzen


Copyright Matthias Bulang
Copyright Matthias Bulang

Bevor du gehst

Wer sonst, wenn nicht wir? Die eigene Mutter vor Augen und die eindringliche Frage nach dem, was bleibt, wenn sie für immer geht, bewegte drei sorbische Künstler und inspirierte sie zu einem ungewöhnlichen Vorhaben. Es ist der letzten Generation von Frauen gewidmet, die tagtäglich die sorbische Tracht tragen.

Die umfangreiche Sammlung von Fotografien des Bautzener Fotografen Matthias Bulang, aufgenommen in den Jahren zwischen 1985 und 2011, wurde zum Ausgangspunkt des Projektes. In Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Róža Domašcyna und dem Komponisten Měrćin Weclich entstand unter dem Titel „Bevor du gehst“ eine bemerkenswerte Publikation und eine Ausstellung.

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren hat Matthias Bulang die letzten Trachtenträgerinnen der sorbischen Lausitz porträtiert. Er besuchte sie in ihrer häuslichen Umgebung, fotografierte sie in ihren Berufen, bei der Arbeit auf dem Feld oder auf ihrem Hof, hielt sie mit seiner Kamera im Kreise ihrer Kinder und Enkelkinder fest. Es sind klassische schwarz-weiß Bilder, aufgenommen – ganz in der Tradition großer Meister - mit einer herkömmlichen Plattenkamera. Nach dem Vorbild namhafter Porträtisten des 20. Jahrhunderts inszeniert Matthias Bulang gezielt seine Bilder.

Indem er die Frauen in eine für sie charakteristische Umgebung versetzt und sie mit berufs- und arbeitsspezifischen Attributen ausstattet verleiht er ihnen ein gewisses Pathos, ikonengleich. Für den Betrachter bleiben sie namenlos. Sie stehen so stellvertretend für alle Frauen ihrer Generation.

In den für die Ausstellung auserwählten Motiven lenkt Matthias Bulang den Blick in das Antlitz der dargestellten Frauen. Ihre Gesichter sprechen ohne Worte, geben Lebensspuren und Wesenzüge preis. Wie nebenbei zieht das Leben auf dem Land in den letzten dreißig Jahren in der Lausitz vor dem Auge des Betrachters vorbei.

Es sind einfache Frauen; selbstbewusst, lebensbejahend, kraftvoll aber auch zurückhaltend, voller Melancholie und Nachdenklichkeit - Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und Frauen, deren irdische Zeitreise sich dem Ende neigt.

Der Fotograf Matthias Bulang sieht sich weniger in der Tradition eines dokumentierenden Ethnografen oder Trachtenspezialisten, sondern vielmehr als jemand, der den Frauen ein stilles Denkmal setzen möchte. Die meisten von ihnen leben heute nicht mehr. Mit Bulangs für die Ausstellung nahezu auf lebensgroßes Format gezogenen Porträts entsteht die Illusion, als wären sie noch mitten unter uns. Die unvermeidbare Antwort auf die Frage nach dem was mit dem Tod einer jeden dieser Frauen unwiederbringlich verloren geht, entrückt so für einen kurzen Augenblick.

Die Bilder von Matthias Bulang sind eine Hommage an all die unscheinbaren Heldinnen des Alltags, welche sich ungeachtet aller ihrer Generation auferlegten Lasten durch die geschichtlichen Wirren des 20. Jahrhunderts und entgegen aller Anfeindungen ihrer sorbischer Tracht und ihrer Muttersprache wegen ihren Lebensmut, ihre Frömmigkeit und die Liebe zu ihrem Volk bewahrt haben.

Christina Bogusz

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Matthias Bulang
ist mehr als vierzig Jahre als Pressefotograf tätig.
Er wurde 1956 in Bautzen geboren. Nach seinem Schulabschluss an der Sorbischen Polytechnischen Oberschule in Bautzen trat er eine zweijährige Ausbildung zum Fotografen an, die er im Fotoatelier Schmidt in Bautzen absolvierte. Von 1974 bis 1990 arbeitete er als Pressefotograf bei der sorbischen Tageszeitung „Nowa doba“. Zwischen 1983 und 1986 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig im Fach Fotografie. Ab1991 führte er seine Arbeit als Pressefotograf, nun bei der sorbischen Abendzeitung „Serbske nowiny“ fort. Matthias Bulang arbeitete als Bildautor bisher hauptsächlich für Editionen des Domowina-Verlages in Bautzen.

Róža Domašcyna (* 1951) schrieb auf die Bilder von Matthias Bulang Essays. In ihnen reflektiert sie das Leben ihrer Mutter, die selbst Tracht trug. Markante Auszüge daraus komplettieren die ausgestellten Porträts. Sie beschreibt im stillen Zwiegespräch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sinnt nach über den bewussten und sorgfältigen Umgang mit der Tracht und dem erhaltenen Erbe, wie es Sprache und Religion sind. Dabei flechten sich ihre Gedanken um Erinnerungen an das Leben auf dem Lande in der DDR. Róža Domašcyna berührt dabei grundlegende Fragen des menschlichen Lebens wie Fremdheit und Ausgrenzung eines anderen Aussehens wegen, der Treue und moralischen Verbundenheit gegenüber der eigenen Herkunft und den ererbten Traditionen und sucht nach dem Ursprung dessen, was jene Generation der Frauen bindet und trägt.
Róža Domašcyna ist seit 1990 als freischaffende Autorin in Bautzen tätig und publiziert ihre Werke hauptsächlich in sorbischer und deutscher Sprache.

Měrćin Weclich (* 1957) hat sich durch die Fotografien von Matthias Bulang inspirieren lassen. Seine eigens zu den Bildern geschaffen Kompositionen umrahmen die Worte von Róža Domašcyna und stellen eine emotionale Verbindung zu den Bildern der Ausstellung her. Die Kompositionen spielt nach dem Satz von Malte Rogacki das Cottbuser Streichquartett.
Měrćin Weclich arbeitet als Komponist und Pop-Sänger und ist auf dem Gebiet der musikalischen Nachwuchs-und Talenteförderung tätig. Seine eigenen Kompositionen und musikalische Werke veröffentlichte er auf mehreren CDs.